Bild zeigt Mann im Büro, Augen geschlossen, Papier in der Hand

Traumatisierung und (chronischer) Stress in Unternehmen

Traumatisierungen und chronischer Stress häufen sich in Unternehmen nach Unfällen, wo mit hohem körperlichem Einsatz, Maschinenkontakt oder Gefahrstoffen gearbeitet wird. Auch das Personal in Organisationen und Behörden mit Sicherheitsaufgaben (BOS) wie Polizei, Feuerwehr, oder Rettungsdiensten ist deutlich gefährdeter. Wer Zeuge von Unfällen und Gewalt wird, kann ko-traumatisiert werden.

Es gibt auch eine demografische Komponente. Unternehmen stellen vermehrt Menschen mit Migrationsgeschichte ein. Schätzungen zufolge leiden mindestens 30 Prozent der Menschen mit Fluchterfahrung in Deutschland an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression.[1] Das Institut für Arbeitsmarktforschung (IAB) schätzt, dass in Deutschland jährlich ca. 400.000 zusätzliche Arbeitnehmer aus dem Ausland benötigt werden, wenn die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhalten bleiben soll.[2] Die Zahlen zeigen, das psychische Gesundheit und Traumaresilienz kein „Nice-to-have“ mehr ist, sondern Handlungsbedarf besteht.

Treten post-traumatische Belastungsstörungen auf, sind diese zu behandeln. Auch Unternehmen können viel dazu beitragen, Folgewirkungen durch traumainformiertes Management zu reduzieren.

Traumainformiertes Management schafft Abhilfe

Traumainformiertes Management unterstützt ein Arbeitsumfeld, in dem sich traumatisierte Mitarbeitende sicherer, gesehen und wirksam fühlen können. Dies hat auch eine ökonomische Komponente, da hierdurch nicht nur die Zusammenarbeit, sondern auch die Arbeitsqualität gefördert werden.

Die wesentlichen Prinzipien des traumainformierten Managements können über die sogenannten „4 R“[3] adäquat zusammengefasst werden:

  1. Recognize (Anerkennen): Die Anzeichen und Symptome von Trauma bei Mitarbeitenden erkennen und als Reaktion auf Erlebtes interpretieren. Wie Scaer[4] ausgeführt hat, gibt es ein Trauma-Spektrum, bei dem chronischer Stress eine bedeutende Rolle spielt.
  2. Respond (Reagieren): Wissen über Trauma in organisationale Richtlinien und Praktiken integrieren, um angemessen zu reagieren.
  3. Resist Re-traumatization (Re-Traumatisierung vermeiden): Aktives Bemühen, Situationen zu verhindern, die traumatische Erinnerungen auslösen könnten. Dies ist deswegen von Bedeutung, da Retraumatisierung oftmals durch bestimmte, aber identifizierbare Faktoren ausgelöst wird.

Ein Paradigmenwechsel besteht darin, nicht mehr zu fragen: „Was ist falsch mit dir?“, sondern zu fragen: „Was ist dir widerfahren – und wie können wir im Unternehmen damit umgehen?“

Nutzen für Unternehmen

Traumainformiertes Management verbessert das psychische Wohlbefinden der Mitarbeitenden und reduziert Stress, Angst und Depressionen. Dies wiederum steigert die Produktivität und Motivation, senkt Fluktuation und Fehlzeiten. Die dysfunktionale Wirkung von fehlender emotionaler Regulation auf die zwischenmenschliche Kommunikation wurde vielfach belegt.[5]

Mitarbeitende sind empathischer, loyaler und leistungsbereiter – was sich auch in einem besseren Kundenkontakt und Unternehmensimage niederschlägt. Gleichzeitig senken sich langfristig Kosten, etwa durch weniger Krankheitstage, geringere Rechtsrisiken oder Aufwand für die Personalakquise.

Maßnahmen des traumainformierten Managements

Am Anfang steht die strategische Frage, ob es um ausgewählte Einheiten geht (z.B. Kundenservice, sicherheitsrelevante Organisationseinheiten) oder einen Ansatz, der das gesamte Unternehmen einbezieht. Folgende Handlungsbereiche ermöglichen es, zu einer traumainformierten Organisation heranzuwachsen:

  1. Die Sensibilisierung und Schulung ausgewählter Mitarbeitenden können in bestehende Arbeitsroutinen (z.B. im Rahmen von Veranstaltungen für Führungskräfte, des Betrieblichen Gesundheitsmanagements, Teammeetings) integriert werden. Inhaltlich sollten sich diese auf die oben angeführten „4R“ beziehen.
  2. Selbstfürsorge und Resilienzförderung hilft auf individueller Ebene. Maßnahmen reichen von (kurzen) Achtsamkeitstrainings bis zu Impulsen für gesunde Pausen.
  3. Eine thematische Verankerung in betriebliche Routinen erscheint wichtig. Schrittweise können traumainformierte Praktiken in bestehende Richtlinien und Abläufe eingearbeitet werden. So kann zum Beispiel ein Kollege als Ansprechpartner benannt werden. Dieser Punkt bezieht sich auch auf soft skills wie eine angstfreie Feedbackkultur.
  4. Die Gewährleistung physischer und psychologischer Sicherheit wird auch durch die räumliche Ausgestaltung unterstützt. So helfen geeignete Beleuchtung oder Rückzugsorte.

Es gilt: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Maßnahmen können Schritt für Schritt umgesetzt werden. So kann damit begonnen werden, das Thema zunächst in laufenden Besprechungen, Workshops etc. auf die Agenda zu setzen; danach im Rahmen von Mitarbeiterveranstaltungen. Und bei der nächsten Renovierung kann eine Anpassung von Räumlichkeiten erfolgen.

Fazit

Traumainformiertes Management sollte kein Luxus sein, sondern eine strategische Investition in Zukunftsfähigkeit und Menschlichkeit von Unternehmen. Es erleichtert das Miteinander und senkt Kosten und Risiken. Fehlerquoten sinken, wenn Mitarbeitende sich besser konzentrieren können. Die psychische und dadurch auch physische Sicherheit führen zu Arbeitsplätzen, an denen Menschen nicht nur funktionieren, sondern sich entwickeln können. Die niedrigere Personalfluktuation wiederum verbessert die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens.

Literatur:

[1] „In ständiger Alarmbereitschaft: Warum traumatisierte Geflüchtete dringend mehr Hilfe brauchen.“ (Vgl. https://www.berliner-zeitung.de/open-source/neue-perspektiven-fuer-traumatisierte-gefluechtete-was-koennen-wir-tun-li.2295825), Berliner-Zeitung

[2] IAB, IAB-Stellungnahme; vgl. https://doku.iab.de/stellungnahme/2023/sn0523.pdf (alle Quellen am 23.05.2025 abgerufen)

[3] Substance Abuse and Mental Health Services Administration: Practical Guide for Implementing a Trauma-Informed Approach. SAMHSA Publication No. PE23-06-05-005. Rockville, MD: National Mental Health and Substance Use Policy Laboratory. Substance Abuse and Mental Health Services Administration, 2023.

[4] Das Trauma-Spektrum. Robert Scaer. G.P. Probst Verlag, 2014

[5] Steve Porges, Polyvagal Theory, A Science of Safety (vgl. https://www.frontiersin.org/journals/integrative-neuroscience/articles/10.3389/fnint.2022.871227/full)