Gesund älter werden – Das biopsychosoziale Krankheitsmodell

Aktuell sind wir mitten im demografischen Wandel. Im Jahr 2036 werden alle 19,3 Millionen Menschen aus der Babyboomer Generation das Renteneintrittsalter erreichen. Das Thema Übergang in die Rente betrifft Millionen von Menschen heute und in den nächsten Jahren (Deschermeier et al., 2024). Vor allem Unternehmen bekommen diese Entwicklung zu spüren. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass erfahrene Mitarbeitende heute wertvoller sind denn je. Ein gelungener Übergang in den Ruhestand verhindert nicht nur gesundheitliche Belastungen und frühzeitigen Ausstieg, sondern ermöglicht auch Wissenstransfer, Motivation bis zum letzten Arbeitstag und eine positive Wahrnehmung des Unternehmens als verantwortungsvoller Arbeitgeber.

Wie sieht ein gelungener Übergang in die Rente aus?

Mit dieser Frage beschäftigt sich diese Blogreihe. Der folgende Blogbeitrag bietet einen Einstieg in den gesundheitspsychologischen Ansatz anhand des biopsychosozialen Krankheitsmodells. Das Ziel ist es, eine Blogreihe bereitzustellen, die Hilfestellung für gesundes Altern in psychischer, physischer und sozialer Form bietet.

Welche Herausforderungen haben Menschen im Übergang zur Rente?

Hierfür muss zunächst ein Verständnis für die Herausforderungen in dieser Lebensphase geschaffen werden. Beispielsweise die Veränderungen der gesellschaftlichen Rolle oder das Wegfallen von Strukturen, Aufgaben und Sinn. Neben den vielen persönlichen Veränderung kommen die Herausforderungen der Altersarmut und des Pflegenotstands hinzu, die zusätzlich zu großen Belastungen beitragen. Gemeinsam können die genannten Herausforderungen zur Entstehung von Altersangst, einer negativen Einstellung zum Altern, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit, Antriebslosigkeit und auch zum Auftreten von Depressionen beitragen.

Warum ist das Thema gesundes Altern für Unternehmen relevant?

Sich mit dem Thema “gesund älter werden” zu beschäftigen, bietet eine große Chance für Unternehmen. Denn wer seinen Mitarbeitenden frühzeitig Perspektiven bietet, Ängste ernst nimmt und den Übergang in den Ruhestand aktiv mitgestaltet, schafft Motivation und Bindung bis zum letzten Arbeitstag. Zudem können Wissenstransfer erleichtert und ein frühzeitiger Ausstieg vermieden werden. Dies kann durch ein Konzept des gesunden Alterns gefördert werden.

Das Thema gesundes Altern ist bereits Jahre vor dem Renteneintritt von zentraler Bedeutung, da Menschen bereits Jahre davor mit den Herausforderungen der Rente konfrontiert sind. Angesichts der sinkenden Zahl an Arbeitskräften wird es für Organisationen immer wichtiger, Menschen lange, gesund und zufrieden im Arbeitsleben zu halten. Ältere Beschäftigte haben dabei spezifische Bedürfnisse und Bedarfe, die sich von denen jüngeren Mitarbeitenden unterscheiden und die ein angepasstes Führungs- und Gesundheitskonzept erfordern. Ein ganzheitliches Gesundheitskonzept, das einen respektvollen, vorausschauenden und perspektivisch gestalteten Übergang in den Ruhestand ermöglicht, kann diesen Bedürfnissen gerecht werden. Dadurch werden sowohl die individuelle Lebensqualität und die langfristige Arbeitsfähigkeit als auch der Wissenstransfer gefördert.

Was zeigen die bisherigen Daten?

Daten zeigen, dass sowohl die Lebenserwartung (LE) als auch die gesunde Lebenserwartung zwischen 2000 und 2019 gestiegen ist. Die Lücke zwischen LE und gesunder LE ist dabei immer größer geworden. Im Jahr 2000 lagen noch etwa 8,5 Jahre zwischen der allgemeinen LE und der gesunden LE, 2019 waren es bereits 9,7 Jahre. Obwohl die Lebenserwartung stetig steigt, nimmt die Anzahl gesunder Lebensjahre nicht im gleichen Maße zu (World Health Organization, 2020). Insbesondere für die große Anzahl an Menschen im Übergang in den Ruhestand bedeutet dies, dass sie mit der Aussicht auf mehr kranke Lebensjahre konfrontiert sind. Dieser Umstand kann Altersangst begünstigen und unterstreicht die Notwendigkeit sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Der globale Report „The Perennials – The Future of Ageing“ von Ipsos MORI hat durch die internationale Befragung von über 20.000 Menschen zwischen 16 und 64 Jahren bis zum Jahr 2018 einige spannende Aspekte über das Älterwerden erfasst. Die Befragung zeigt, dass gerade einmal 44 % der Deutschen erwarten, im Alter fit und gesund zu sein, und 52 % gaben an, sich Sorgen ums Älterwerden zu machen (Hall et al., 2019).

Es gibt bereits sehr viele Programme zu dem Thema gesundes Altern oder Altersdiskriminierung sowie zu weiteren verwandten Konstrukten, wie das internationale Beispielprojekt der WHO namens UN Decade of Healthy Ageing (2021 – 2030). Als Grundlage für die Entwicklung solcher Programme hat die WHO drei zentrale Komponenten des Älterwerdens identifiziert.

Zum einen:

  1. Die funktionale Fähigkeit, also die Fähigkeit, alltägliche Aufgaben zu bewältigen, fördert Selbstwirksamkeit und Autonomie.
  2. Die Umwelt, welche beispielsweise in Form von altersfreundlichen Städten und Gemeinschaften den Zugang zu Angeboten ermöglicht, hat das Ziel, Einsamkeit zu verringern und Selbstständigkeit zu erhöhen.
  3. Die intrinsische Kapazität beschreibt die körperliche und geistige Ressource einer Person, die gesundes Verhalten fördern und zum Beispiel depressive Symptome oder Ängste verringern können.

(World Health Organization, 2020)

Bereits in 34 Ländern Europas ist gesundes Altern ein Schwerpunkt der Gesundheitsministerien (World Health Organization, 2020). Dies unterstreicht das anhaltende hohe politische und gesellschaftliche Interesse am Thema Älterwerden.

Dennoch erreichen die bestehenden Projekte die Allgemeinbevölkerung bislang kaum. Zudem wird die intrinsische Kapazität, also die psychischen Ressourcen, oft vernachlässigt und nicht als wechselseitige Ressource für die körperliche und soziale Komponente verstanden, sondern lediglich als Faktor zur Verhinderung von Depressionen und Angst betrachtet. Ohne intrinsische Antriebe können körperliche Fähigkeiten oder soziale Angebote jedoch ungenutzt bleiben.

Laut dem salutogenetischen Ansatz von Antonovsky werden intrinsische bzw. psychische Ressourcen (z. B. Selbstwirksamkeit, Motivation, Resilienz) oft als Schlüsselvariablen gesehen, weil sie beeinflussen, ob und wie jemand körperliche Ressourcen nutzt oder soziale Kontakte aufnimmt (Antonovsky, Franke & Schulte, 1997). In einem Gesundheitskonzept für gesundes Altern sollte aus gesundheitspsychologischer Sicht die psychischen Komponenten die zentrale Ausgangsbasis sein: Wer psychische Stabilität, Resilienz, Selbstwirksamkeit und Lebenssinn stärkt, schafft damit die Voraussetzung, um auch die anderen Bereiche – von aktiver Bewegung über soziale Teilhabe bis zu gesunden Alltagsroutinen – erfolgreich umzusetzen.

Was ist das biopsychosoziale Krankheitsmodell?

Anhand des biopsychosozialen Modells lässt sich erklären, warum es überhaupt eine wechselseitige Beziehung von psychisch, physisch und sozialen Komponenten gibt.

Das Modell bietet einen umfassenderen Blick auf das Thema Krankheit und Gesundheit als das traditionelle biomedizinische Modell, welches aus der Medizin stammt. Während sich das traditionelle biomedizinische Modell vor allem auf körperliche Ursachen fokussiert, erweitert das biopsychosoziale Modell den Blick auf psychische und soziale Faktoren. Die Einbeziehung psychischer und sozialer Faktoren als Einflussgrößen der physischen Gesundheit hilft, Schutz- und Risikofaktoren besser zu identifizieren. Laut dem Modell entsteht Krankheit durch eine Störung der Interaktion zwischen biologischen, psychischen und sozialen Faktoren. Es handelt sich also nicht um drei einzelne Komponenten, sondern um ein gemeinsames Ganzes mit dynamischer Wechselwirkung. Bei der Prävention, Kuration oder Rehabilitation sind somit immer alle drei Bereiche zu beachten. Menschen reagieren beispielsweise unterschiedlich auf Krankheit, abhängig von individuellen psychischen Faktoren und sozialen Hintergründen. Sowohl das Krankheitserleben als auch der Krankheitsverlauf werden von allen drei Komponenten beeinflusst (Egger, 2005).

Das biopsychosoziale Modell dient in der Gesundheitspsychologie und in dieser Blogreihe als Grundlage zum Verständnis des Erlebens und Verhaltens des Menschen. Es gibt Ihnen erste Einblicke in meine Arbeitsweise und ein Verständnis für die noch folgenden Inhalte zum Thema gesundes Altern, auch im Unternehmenskontext.  Das Modell unterstützt dabei, eine ganzheitlichere Denkweise zu entwickeln, in der körperliche Symptome nicht rein medizinisch betrachten werden, sondern im Kontext von psychischen und sozialen Ursachen oder Verstärkern.

Aufbauend auf dem neu erworbenen Wissen möchten wir uns in den kommenden Beiträgen Schritt für Schritt der zentralen Frage nähern: Wie sieht ein gelungener Übergang in die Rente aus? Dabei geht es um das Zusammenspiel von Körper, Psyche und sozialem Umfeld, also genau jene Wechselwirkung, die das biopsychosoziale Modell so anschaulich beschreibt.

Literatur: 

Deschermeier, P., Schäfer, H., Institut der deutschen Wirtschaft, Bundesministerium des Innern & Geis-Thöne. (2024). IW-Kurzbericht 78/2024.

World Health Organization. (2020). Decade of healthy ageing: baseline report. https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/338677/9789240017900-eng.pdf?sequence=1

Hall, S. et al. (2019). The Perennials. In Centre for Ageing Better, The Perennials. https://www.ipsos.com/sites/default/files/ct/news/documents/2019-02/thinks_theperennials.pdf

Antonovsky, A., Franke, A., & Schulte, N. (1997). Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Forum für Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis.

Egger, J. W. (2005). Das biopsychosoziale Krankheitsmodell: Grundzüge eines wissenschaftlich begründeten ganzheitlichen Verständnisses von Krankheit. In P S Y C H O L O G I S C H E  M E D I Z I N (Bde. 16–16) [Journal-article]. http://www.draloisdengg.at/bilder/pdf/EggerJosefWilhelm_ErweitertesbpsModell.pdf